Wie ein Theaterstück

Fünf Künstlerpersönlichkeiten begleiten das Musikkollegium Winterthur durch die drei Konzertsaisons des Triptychons «Werden – Sein – Vergehen» und zeigen unterschiedliche Facetten ihres künstlerischen Schaffens. Im Januar dirigiert Barbara Hannigan das Neujahrskonzert mit Hits vom New Yorker Broadway der 1940er und aus der Pariser Operette des Second Empire und Jean-Quihen Queyras spielt in einem Solo-Rezital Cello-Suiten von Johann Sebastian Bach.

Barbara Hannigan über ihr Programm des Neujahrskonzerts, aufgezeichnet von Hannah Schmidt

Ich wollte ein Programm auswählen, das aufmunternd, festlich und inspirierend ist – und das sieht man auch allein an den ausgewählten Titeln. In diesen Werken kann das ganze Orchester, kann jeder und jede Einzelne als Solist*in glänzen. Die Werke von Berlioz und Rodgers sind beide neu in meinem Repertoire, und es sind Stücke, die ich schon immer studieren und aufführen wollte. Der Fauré ist eines der allerersten Stücke, die ich als Dirigentin in Angriff genommen habe, und zwar auf Anregung von Simon Rattle, der mich zu Beginn meiner Dirigierlaufbahn als Mentor betreut hat. Es ist das introspektivste Stück des Programms, und es gibt Momente von grosser Zärtlichkeit. Der Offenbach (arr. Rosenthal) ist fröhlich, voller Leidenschaft und auch etwas verrückt, und dann das Finale (Gershwin) – nun, das ist mein «Partystück» und es war ein absolutes «Muss», das ich nach Winterthur bringen wollte! Für meine Interpretation studiere ich die Partituren im Detail. Ich beginne mit der Struktur und dem «grossen Bild» und gehe dann in die feinsten Details der einzelnen Instrumente. Dann wende ich mich wieder dem grossen Ganzen zu, indem ich die Musik überfliege und dann wieder heranzoome, immer und immer wieder. Schliesslich atme ich durch und visualisiere die Partitur – und mache mich auf den Weg. Das Repertoire und auch die Reihenfolge wähle ich sorgfältig aus. Ein Programm ist wie ein Theaterstück – es braucht einen Anfang, eine Mitte, ein Ende und durch alles hindurch einen dramaturgischen Faden, der uns von einem Ort zum anderen führt. Die Perspektive eines Stücks nach (oder vor) einem anderen gibt eine bestimmte Sichtweise, wie wir sie in einer Kunstgalerie erleben würden. Oder vergleichen wir ein Musikprogramm mit einem schönen Abendessen: Ob wir zu Hause oder in einem fantastischen Restaurant kochen, wir beginnen in der Regel mit einem Amuse- Bouche, einer Vorspeise, dem Hauptgericht und schliesslich dem Dessert. Wir werden auf jeden Fall versuchen, etwas Besonderes mit dieser zu Musik kochen! Alle diese Werke sind theatralisch, ob aus der Oper (Berlioz), der Theatermusik (Fauré), der Operette (Offenbach) oder dem Musical (Gershwin und Rodgers), wir haben also einiges zu erzählen. Ich arbeite mit Emotionen und möchte mit allem, was ich gebe, der theatralischen Geschichte dieser Musik dienen. Das ist die allgemeine Herausforderung. Und im Detail wollen wir, dass zum Beispiel der Schwung und der Fluss des Berlioz uns in ein kollektives Zuhören versetzen. Der Fauré dagegen ist sehr zart. Wir wollen den Klang an einen sehr intimen Ort bringen (besonders in den trauernden Momenten für Mélisande), um dann den Aufbau des Carousel Waltz von Rodgers zu finden. In der zweiten Hälfte geht es vor allem um das Tempo: Offenbach hat viel Energie, aber auch einige Walzer, bei denen das gesamte Orchester zusammen atmen (fast mit dem Atem tanzen!) muss. Und über den Gershwin werde ich nichts sagen - ausser, dass wir dem Publikum etwas vom Orchester zeigen und zu hören geben werden, was es vielleicht noch nie erlebt hat.

SA 06. JAN, 19.30 UHR
NEUJAHRSKONZERT MIT BARBARA HANNIGAN

SO 07. JAN, 17.00 UHR
KAMMERMUSIK MIT BARBARA HANNIGAN