Unter Albans Regenschirm

Unter Albans Regenschrim

Jede*r sollte es kennen! Die Augen von Leila Josefowicz leuchten. Wenn die Violinistin im Dezember nach Winterthur kommt, wird sie eines ihrer Lieblingsstücke spielen, da freut sie sich schon drauf. Vorher aber sind wir noch zu einem Gespräch verabredet. Ich erreiche Leila in ihrem Apartment in New York, vor ihren Fenstern regnet es in Strömen. Während sich die Strassen der Stadt mit Wasser füllen, sprechen wir über den Tod, die Zweite Wiener Schule und die Liebe zur Musik.

Leila Josefowicz im Gespräch mit Leah Biebert

Hello, Leila Josefowicz! Bei deinem Besuch in Winterthur wirst du Alban Bergs Violinkonzert spielen. Warum ausgerechnet dieses schwermütige Stück?

Dieses Stück ist eines der grössten Meisterwerke des 20. Jahrhunderts! lacht Die Zweite Wiener Schule fasziniert mich schon seit meiner Jugend. Sie nimmt eine wichtige Rolle in der Musikgeschichte ein und ich kann mich glücklich schätzen, dass ich mit ihrer Musik ausgebildet worden bin. Ausserdem ist es ein Stück, an dem ich viel gearbeitet und das ich seit meiner Jugend häufig aufgeführt habe. Es ist ein Teil meines musikalischen Make-Ups.

Was genau fasziniert dich an dieser Musik?

Das Dirigat spielt dabei eine extrem wichtige Rolle. Und ich muss das Orchester führen. Ich muss komplett offen ist und eine Performance hört, die nicht überzeugt, denkt vielleicht: «Oh, diese Musik ist nichts für mich.» Als Spieler*in stehst du also in der Verantwortung, die beste Performance hinzulegen, zu der du imstande bist, so bedeutsam und eindrücklich wie möglich. Was ist an Bergs Konzert denn so be- sonders eindrücklich? Es ist die Geschichte dahinter: von Manon Gropius, der jungen Frau, die an Kinderlähmung starb. Alban Berg war mit ihrer Mutter, Alma Mahler, befreundet. Es hat ihn so berührt, ein Stück für sie zu schreiben, dass er wahrscheinlich gar nicht an seine Zwölftonreihe gedacht hat. Er hat eher an das Mädchen gedacht, das viel zu früh gegangen ist. In dem Stück, vor allem im ersten Satz, hört man ihre Persönlichkeit heraus und die Nostalgie, die sie umgibt. Der zweite Satz dagegen ist sehr brutal und gewaltsam: Es geht um den Tod, der ihre Seele fortreisst. Und dann, am Ende des Stücks, ersteht das Mädchen zum Klang des Bach-Chorals wieder auf. Es ist heftiger Stoff, der eine durchdachte und hingebungsvolle Interpretation erfordert. die Besonderheiten der Musik rüberbringen können, dafür braucht man eine*n sehr ausdrucksstarke*n Spieler*in. Manche Violinist*innen wollen die Musik für sich sprechen lassen und nicht zu viel dazugeben. Sie denken, dieser Ansatz sei feiner. Ich finde das nicht, weil es nicht das ist, worum es in dieser Musik geht. Es geht nicht um Distanz. Natürlich ist alles eine Frage der Interpretation, aber ich habe diesbezüglich eine klare Meinung.

Viele Menschen tun sich schwer mit Neuer Musik, weil sie schwer zugänglich erscheint. Was möchtest du diesen Menschen sagen, bevor sie dein Konzert besuchen?

Dass diese Musik zugänglicher wird, wenn man sich für sie öffnet. Es ist ähnlich wie bei Museen für Moderne Kunst oder im Theater, beim Tanz oder Film: Es gibt unterschiedliche Arten, sich auszudrücken. Wenn Leute ein Konzert besuchen und von vornherein davon ausgehen, dass sie es nicht verstehen werden; wenn sie eine ganz andere Vorstellung davon haben, was schön ist; wenn der einzig Wahre auf der Welt nur Beethoven sein kann – dann wird es sehr schwer, sie zu erreichen. Besonders dann, wenn die Musik nicht unglaublich überzeugend dargeboten wird. Denn das macht auch einen riesigen Unterschied
– wenn nicht sogar den Unterschied. Wer nicht komplett offen ist und eine Performance hört, die nicht überzeugt, denkt vielleicht: «Oh, diese Musik ist nichts für mich.» Als Spieler*in stehst du also in der Verantwortung, die beste Performance hinzulegen, zu der du imstande bist, so bedeutsam und eindrücklich wie möglich.

Was ist an Bergs Konzert denn so besonders eindrücklich?

Es ist die Geschichte dahinter: von Manon Gropius, der jungen Frau, die an Kinderlähmung starb. Alban Berg war mit ihrer Mutter, Alma Mahler, befreundet. Es hat ihn so berührt, ein Stück für sie zu schreiben, dass er wahrscheinlich gar nicht an seine Zwölftonreihe gedacht hat. Er hat eher an das Mädchen gedacht, das viel zu früh gegangen ist. In dem Stück, vor allem im ersten Satz, hört man ihre Persönlichkeit heraus und die Nostalgie, die sie umgibt. Der zweite Satz dagegen ist sehr brutal und gewaltsam: Es geht um den Tod, der ihre Seele fortreisst. Und dann, am Ende des Stücks, ersteht das Mädchen zum Klang des Bach-Chorals wieder auf. Es ist heftiger Stoff, der eine durchdachte und hingebungsvolle Interpretation erfordert.

Was für eine Persönlichkeit bekommen wir denn zu hören?

Die ist extrem vielfältig. Es gibt diesen Walzer, aber es ist kein feiner Tanz auf den Zehenspitzen. Er ist keck und tapfer und unerschrocken. Da stecken so viele Farben drin. Es gibt Momente, in denen der Charakter ganz ungestüm ist. Und ein bisschen hebt das Kinn und rümpft die Nase. Es ist mir sehr wichtig, diese Feinheiten zum Vorschein zu bringen.

Gibt es eine Passage, auf die du dich dabei am meisten freust?

Auf die Übergänge. Auf der Reise dieses Mädchens gibt es ein Auf und Ab von Gefühlen. Und man muss die Kraft des Todes spüren, sonst ist die Wiederauferstehung bedeutungslos. Man muss wirklich spüren, dass das Leben endet. Das ist nicht einfach, dieser Übergang ist ein grosser beängstigender und brutaler Kampf. Es ist also wirklich kein schönes Stück, an dessen Ende man aufsteht und sich gut fühlt. Es geht um viel grundlegendere Dinge. Aber wenn dann der Choral einsetzt, ist das eine Erleichterung.

Du hast gesagt, dass in diesem Stück die Zwölftonreihe für Berg wahrscheinlich nicht im Vordergrund stand. Woran merkt man das?

Er schwelgt in Erinnerung. Es ist so herzzerreissend, wenn man an einen Menschen denkt, der verstorben ist und den man vermisst. Der Versuch, das Wesen dieser Person in der Partitur festzuhalten, ist so wunderschön. Und er gelingt nur, wenn man sich ganz unmittelbar an sie erinnert. Das Ziel ist nicht, ein tolles Stück zu schreiben. Es ist ein Nachsinnen, ein Gedenken. Und die Gefühle, die man in Zeiten der Trauer erlebt, kommen aus tiefstem Herzen.

Das Konzert ist quasi ein musikalischer Nachruf.

Es ist ein doppeltes Requiem. Es geht um das Mädchen, aber es ist auch Bergs letzte Komposition. Er hat die Premiere nicht mehr miterlebt. Es ist eine grosse Sache, ein Requiem für jemanden zu schreiben und dann zu merken, dass es auch das eigene ist – zumindest, wenn es das wichtigste im Leben ist, ein musikalisches Vermächtnis zu hinterlassen.

Und was hinterlässt Berg uns mit diesem Violinkonzert?

Ein Geschenk, auch wegen des Bach-Zitats. Er sagt damit: «Sieh mal, Musik ist Musik. Sie muss nicht immer unterteilt werden in unterschiedliche Schulen und Epochen. Ich lebe später als Bach, aber wir sind beide Komponisten. Und ich liebe Bach, also nutze ich seine Musik. Belassen wir es doch einfach dabei!» Bergs Musik ist ein allumfassender, universeller Regenschirm, der gemacht ist aus der Liebe zu Musik.

Was für Musik hat er noch unter seinem Schirm?

Im Violinkonzert arbeitet Berg auch mit Volksmelodien. Bei meinen Recherchen habe ich mich ausserdem gefragt: Was haben die Leute damals gehört? Ich fand Swing-Bands und Jazz-Ensembles und hatte grossen Spass dabei, mir das anzuhören! Berg wird das sicherlich auch gehört haben, wenn er ins Café ging oder in ein Konzert.

Wieviel von diesem Vorwissen – zu der Hintergrundgeschichte, zur damaligen Zeit – sollte man als Zuhörer*in mitbringen, um das Konzert zu verstehen?

Es ist sicherlich hilfreich, ein bisschen Hintergrundwissen zu haben. Aber wenn es eine wirklich wunderbare Interpretation ist – und wir können nur unser Bestes geben –, dann wird das Publikum diese Dinge spüren. Und das ist das Schöne daran: Du musst das Stück nicht mit deinem Verstand hören. Viel wichtiger ist, dass es einen Nerv trifft.

Das Stück ist also einerseits sehr persönlich, andererseits haben wir es mit ganz universellen Gefühlen zu tun.

Und das ist der Grund, warum es das beste Stück ist, das jemals von irgendwem geschrieben wurde! Das glaube ich wirklich, und es ist jedes Mal
eine Ehre, es spielen zu dürfen.

MI 06. / DO 07. DEZ, 19.30 UHR
DEM ANDENKEN EINES
ENGELS mit Leila Josefowicz

DO 07. DEZ
NACH DEM KONZERT
RED SOFA
Hannah Schmidt im Gespräch mit
Tabita Berglund und Leila Josefowicz

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