Schweigen ist keine Option

Gabriela Montero ist eine Ausnahmepianistin – und zwar vor allem, weil sie sich einer Disziplin verschrieben hat, die von nahezu allen anderen Konzertpianist*innen gemieden wird: der Improvisation. Dabei gibt Montero ein Mikrofon ins Publikum und lässt mutige Anwesende Melodien singen, die sie dann als Grundlage für eine grosse romantische Fantasie, einen barocken Tanz oder ein Medley nutzt. Die Begeisterung im Publikum ist jedes Mal durchsetzt
von grossem Erstaunen: Wie macht sie das nur?

Gabriela Montero im Gespräch mit Hannah Schmidt

Hola, Gabriela Montero. Was passiert beim Improvisieren in deinem Kopf? Entsteht die Form schon, bevor du anfängst zu spielen, oder ein Stil oder eine Richtung?

Nein, überhaupt nicht. Ich wiederhole das Thema am Anfang ein paar Mal, um es mir einzuprägen, vor allem, wenn es eines ist, das ich nicht kenne. Alles, was danach passiert, vergleiche ich immer mit einem Domino-Effekt: Ich spiele die erste Note, und der Rest entsteht aus ihr heraus.

Das heisst, du hörst das Gespielte in dem Moment wie eine CD …?

Ein bisschen schon, ja.

Bist du manchmal überrascht über das, was deine Finger da produzieren?

Ja, das bin ich. Solange ich nicht eingreife in das Gespielte, ist die Freiheit unglaublich.

Was meinst du mit: eingreifen? Spielt da etwa eine andere Instanz als du selbst …?

Es gibt eine logische Erklärung dafür. Vor sechs Jahren habe ich bei einer Studie mitgemacht, die der Neurologe Dr. Charles Limb durchgeführt hat. Ich sass ungefähr zwei Stunden lang in einer Maschine und habe gespielt und improvisiert, und dabei haben sie meine Hirnströme gemessen. Was dabei herauskam, passte komplett zu meiner Erfahrung, die ich immer mit «wegtreten», «aus dem Weg gehen» beschreibe: Wenn ich Repertoire spiele, dann benutze ich die Bereiche des Gehirns, die normalerweise für die Verarbeitung von Musik genutzt werden. Wenn ich aber improvisiere, schläft dieser Teil komplett ein und andere Bereiche werden aktiv.

Und welche sind das?

Der visuelle Cortex! Charles Limb sagte zu mir, es sei, als würde ich mit den Augen improvisieren. Und das passt total zu dem, was ich als Kind immer zu meinem Vater gesagt habe: Es fühlt sich an, als hätte ich zwei Gehirne, und als würde ich zwischen dem einen und dem anderen hin- und herwechseln.

Wenn du klassisches Repertoire interpretierst – das machst du auch bei deinen Konzerten in Winterthur –, was ist dir dabei wichtig?

Mein Ziel als Interpretin ist in erster Linie, den oder die Komponist*in zu respektieren. Ich verbinde mich dazu nicht nur mit der Schönheit, sondern auch mit der Dramatik der Musik.

Was bedeutet das in Bezug auf Tschaikowskys 1. Klavierkonzert, das du in Winterthur spielen wirst?

Ich spiele dieses Konzert oft, tatsächlich ist es das Konzert, das ich im Moment am häufigsten interpretiere. Es ist ein Werk, bei dem ich es liebe, nicht nur in dem sehr träumerischen, fantastischen, ballett-artigen Klang zu baden, sondern auch die maskuline Kraft zu entfesseln, die darin steckt. Man kann wunderbar die ganz besondere russische Szenerie unterstreichen, die in diesem Werk zu spüren ist. Insgesamt versuche ich aber, die Interpretation zu einer möglichst authentischen, ehrlichen Erfahrung zu machen, für mich und für das Publikum.

Ich möchte noch einmal zurück zur Improvisation. Glaubst du, dass man das lernen kann – so zu improvisieren wie du?

Ich glaube nicht. Es ist eine Fähigkeit, nicht etwas, woran du arbeiten und was du trainieren kannst. Es ist eine Sprache, die du hast, die du sprechen kannst oder eben nicht.

Aber es gibt doch Improvisationsstudiengänge und Lehrer*innen, die es unterrichten?

Natürlich gibt es Techniken, die man lernen kann, und die, die es unterrichten, haben andere Methoden als ich sie hätte. Wie ich improvisiere, kann ich aber niemandem beibringen, denn eigentlich existiert es nicht. Wie soll man etwas unterrichten können, was es nicht gibt?

Was ist aus deiner Sicht bei einer Improvisation am wichtigsten?

Für mich ist es im Grunde ein Bekenntnis zur Freiheit in diesem Moment, und dass ich diesem anderen Teil meines Gehirns erlaube, komplett das Ruder zu übernehmen. Ich muss immer darauf vertrauen, dass er da ist, weil er immer da ist. Die besten Improvisationen sind meines Erachtens nach nicht die, die am komplexesten sind, sondern die, bei denen die Musik zum emotionalen Medium wird, zum Beispiel, wenn ich über Venezuela improvisiere. Manchmal fange ich an zu weinen und kann es nicht kontrollieren, denn diese Geschichte kommt ganz tief aus meinem Innern und ist eng verbunden mit meinem Schmerz. Wenn ich komplett verletzlich bin, meine Geschichte erzähle und dabei auf der Bühne weine, dann bin ich am richtigen Ort in mir selbst.

Du engagierst dich sehr für soziale und politische Gerechtigkeit in Venezuela, bist sogar Botschafterin von Amnesty International. Denkst du manchmal, die klassische Musik müsste politischer sein?

Das ist eine gute Frage. Weisst du, der Zusammenbruch meines Landes begann 1999 als Hugo Chávez zum Präsidenten gewählt wurde. Was danach passiert ist, ist ein humanitäres Desaster, nicht nur ökonomisch, sondern in jeglicher Hinsicht. Niemand kann das abstreiten. Über Venezuela zu sprechen, bedeutet auch immer, über Diktatur zu sprechen. Ich verstehe zwar Leute, die in kleinere politische Geschichten nicht involviert sein wollen, aber das ist so gross! Ich habe mein Land, meine Heimat verloren …

Der Russland-Ukraine-Krieg ist noch so ein Beispiel – da hat sich die Kultur- und Klassikszene immer wieder drüber unterhalten, dort wurde ein Diskurs über den Kanon und Künstler*innen geführt …

Genau wie Putin hat auch Chávez klassische Musik als Propaganda und klassische Musiker*innen als Stimme missbraucht. Da gilt für mich: Du kannst leise sein, aber das ist auch eine Position. Nichts zu sagen, ist auch eine Äusserung. Man muss sich als Künstler*in fragen: Wer bin ich und wofür entscheide ich mich? Nichts zu tun oder meine Reichweite zu nutzen? Die Stimme zu erheben, kostet aber einen Preis. Es ist eine moralische Frage, ob man laut wird oder nicht.

Du hast die letzten 13 Jahre genau das getan: in der internationalen Presse diejenigen angeklagt, die Venezuela zur Diktatur gemacht haben …

Ja, weil mir die Stille einfach zu laut war. Und das kostet mich extrem viel.

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MI 22. NOV, 19.30 UHR
GABRIELA MONTERO
spielt Tschaikowsky

Musikkollegium Winterthur
Thierry Fischer Leitung
Gabriela Montero Klavier

Werke von Nikolai Nikolajewitsch, Tscherepnin, Pjotr Iljitsch Tschaikowsky und Johannes Brahms

DO 23. NOV 2023, 10.30 UHR
Masterclass Gabriela Montero

An den Masterclasses der ZHdK ist der intensive Austausch zwischen Studierenden und herausragenden Musikpersönlichkeiten aus Kreation, Interpretation und Reflexion zu erleben dabei sein, wenn die Wahrnehmung verfeinert und Musik immer tiefer gedacht wird.

FR 24. NOV, 18.30 UHR
Thank God it’s Friday
MEET GABRIELA MONTERO

Bach/Busoni Chaconne d-Moll und Improvisationen auf Zuruf

SA 25. NOV, 19.30 UHR
Gabriela Montero und Musikkollegium Winterthur
ZU GAST BEI ANDERMATT MUSIC

SO 26. NOV, 18.00 UHR
Kammermusik mit
GABRIELA MONTERO

Gabriela Montero Klavier
Winterthurer Streichquartett

Werke von Sergej Prokofieff, Frédéric Chopin, Sergej Rachmaninoff und Antonín Dvořák

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