Saisoneröffnung mit Jan Lisiecki

«Da war eine Verbindung, von Anfang an»

Familienmensch, Naturliebhaber, Optimist: Es sind diese drei Worte, die nach einem Gespräch mit Jan Lisiecki besonders stark nachklingen. Nachklingen auch deshalb, weil es dazwischen natürlich auch immer wieder um das geht, wofür er weltberühmt ist, nämlich sein Klavierspiel. Das steht für ihn nicht nur in seinen zahlreichen Konzerten auf dem Programm, sondern auch, wie er schildert, an dem für ihn perfekten Morgen direkt nach einem ausgiebigen Frühstück, inklusive frisch gepresstem Orangensaft, auf Platz Eins.

Ein Porträt über den Pianisten Jan Lisiecki
von Silja Meyer-Zurwelle

Doch an diesem Tag wird der Flügel vermutlich etwas auf ihn warten müssen, denn er ist – anlässlich des Muttertags – gemeinsam mit seiner Mutter und seinem Vater in ihrem Heimatland, Polen, um seine über 90-jährige Grossmutter zu besuchen. «Geniesse jeden Moment», das sei das Motto, das seine Familie ihn gelehrt habe, sagt der gebürtige Kanadier. Das bedeute für ihn jedoch nicht etwa, wegzuschauen. Sich mit den Krisen der Welt zu beschäftigen, gehöre dazu. «Die Zeitungen, wie etwa die New York Times, lese ich meist von der ersten bis zur letzten Seite. Ignoranz ist nicht mein Weg, mit den schlechten Nachrichten umzugehen. Und dennoch finde ich, dass es jeden Tag etwas gibt, über das man sich freuen kann. Heute zum Beispiel ist es das schöne Wetter und die Gesellschaft meiner Familie», sagt Lisiecki.

Der blonde, fast noch jungenhaft aussehende Mann ist, während er erzählt, so entwaffnend positiv, dass man sich kaum vorstellen kann, ihm gegenüber könnte je ein Mensch schlechte Laune bekommen. Seine wachen Augen zeugen von der gleichen Weltoffenheit, mit der er auch über das Leben spricht. So nimmt man es ihm sofort ab, wenn er sagt, dass er noch nie jemand gewesen sei, der jemand Bestimmtes vergöttert habe – noch nicht einmal ein musikalisches Idol habe er. «Ich schätze einfach jeden Menschen», sagt er schulterzuckend.

Dass sich der 28-Jährige immer schon auch für vieles abseits der Musikwelt interessiert hat, wird schnell deutlich beim Blick auf seinen Lebenslauf. Gleich vier Klassen hat Jan Lisiecki an der Highschool übersprungen, seinen Abschluss mit 16 Jahren gemacht. Und dennoch: «Ich erinnere mich nicht an ein Leben ohne Musik», sagt der Pianist. Zum ersten Mal hat er im Alter von fünf Jahren Klavierstunden genommen und mit neun bereits sein erstes Solokonzert mit Orchester gespielt. Seinen Eltern, die selbst keine Musiker*innen sind, hatten andere vorgeschlagen, dass ihr Sohn doch Klavierunterricht nehmen sollte. Wie durch Zufall sei der Familie kurz darauf ein Klavier geschenkt worden. «Ein schreckliches, sehr altes Instrument», erinnert Lisiecki sich. Faszinierender als der Umstand, dass er überhaupt mit dem Klavierspiel angefangen habe, sei für ihn, dass er auch drangeblieben sei. «Ja, da war irgendeine Art von Verbindung, von Anfang an», gibt er zu. Die geradezu verblüffende Natürlichkeit, die er beim Erzählen ausstrahlt, etwas Grundehrliches, das ist auch in seinem Spiel zu hören.

«Die Musik wurde schnell Teil meines Lebens. Und sie blieb. Seit ich ein Teenager war, ist das mein Beruf. Würde man mich jetzt auffordern, etwas anderes zu machen, dann hätte ich keinen blassen Schimmer, was das sein sollte», sagt der Pianist. Nach einigem Überlegen fügt er an: «Vielleicht wäre ich Jurist geworden, weil ich es liebe, Lösungen für Probleme zu finden». Doch dann schüttelt er den Kopf. Nein, es gäbe da nicht wirklich einen Beruf, der für ihn abseits der Musik auf der Hand liege.

In der Musikbranche sei er seinen ganz eigenen Weg gegangen. «Ich habe keinen grossen Wettbewerb gewonnen und war dann plötzlich berühmt, sondern habe einfach Konzerte gespielt. Und dort hörten mich Menschen, die mich wiederum zu neuen Konzerten einluden. Das war fast schon ein Logarithmus», meint er. Dieser eher Schritt für Schritt funktionierende und unkonventionelle Pfad in Richtung grosse Karriere sei die positive Seite des frühen Erfolges gewesen. «Aber natürlich war es auch ein Business. Und zwar eines, das ich durch niemanden aus meinem nächsten Umfeld kannte. Insofern musste ich auch erstmal herausfinden, was die Erwartungen der Menschen sind. Aber negativ überrascht war ich glücklicherweise fast nie. Vieles war wie selbstverständlich für mich», sagt Lisiecki. Mit seiner Familie habe er zudem schon immer diese «starke Einheit» gebildet: «Das hat mir durch alle Zeiten, auch die schwereren, sehr geholfen.»

Die besonders schönen Momente zu sammeln und auch festzuhalten, zählt zu einem seiner Hobbys, wenn er gerade nicht auf der Bühne steht. Wer durch Jan Lisieckis Instagram-Account scrollt, sieht zwischen den Eindrücken von Konzerten immer wieder spektakuläre Natur-Bilder. Makro-Aufnahmen von Blüten in Japan, Fotos von Pferden in Kirgistan und wunderschöne Landschaftsbilder ausItalien oder dem Oman. Dass das Reisen, welches mit seinem Beruf verbunden ist, auch seine Leidenschaft ist, ist unschwer zu erkennen.

«Ich versuche, in den Städten und Ländern, in denen ich spiele, auch immer etwas Neues zu entdecken und die Orte, an die ich komme, zu erkunden.» Norwegen, die Heimat Edvard Griegs, dessen Klavierkonzert Lisiecki mit dem Musikkollegium Winterthur zur Saisoneröffnung spielen wird, hat einen besonderen Platz in seinem Herzen. «Es ist unglaublich, wie sehr ich mich dort zuhause fühle», sagt er. Das liege vor allem daran, dass Norwegen «die wohl grösste Ähnlichkeit» mit seinem Heimatland Kanada habe: «Die Weite der Natur, die Berge, die kalten Winter, die Leere – das ist schon sehr nahe dran an der Natur zuhause. Und auf eine gewisse Weise, finde ich, hört man das auch in Griegs Musik.»

Wann er zum ersten Mal mit Griegs Konzert auf der Bühne stand, kann er gar nicht mehr sagen. «Es ist schon ziemlich lange Teil meines Repertoires. Ich erinnere mich an einige Sommerfestivals in Kanada, wo ich es gespielt habe. Immer wieder mit Orchestern sehr unterschiedlicher Niveaus, oft auch mit Jugendorchestern», sagt er. Und zu denen würde die «jugendliche, enthusiastische Energie» dieser Musik besonders gut passen. Die Interpretation werde bei Grieg schliesslich auch massgeblich vom Orchester immer wieder neu bestimmt.

«Pauken und Klavier beginnen zwar, aber dann spielt das Orchester zum ersten Mal das Thema. Was immer die Musikerinnen und Musiker in diesen Takten machen, beeinflusst, wie ich danach weiterspiele. Alles baut aufeinander auf», beschreibt der Pianist. Er habe ohne Zweifel einige Lieblingsstellen in dem Konzert. «Ein ganz besonderer Moment für mich ist im dritten Satz, wenn die Flöte das zweite Thema spielt. Das ist magisch – wie ein Lichtstrahl aus dem Himmel. Ich wiederhole das Thema, begleitet nur von einem Cello und es entwickelt sich diese wundervolle Klangfarbe», schwärmt er.

Grieg war 25 Jahre alt, als er sein Klavierkonzert in a-Moll schrieb. Es sollte ihm zum Durchbruch verhelfen. Über den Norweger wird gesagt, dass er rastlos gewesen sei, ständig auf der Suche nach Glück und Perfektion, immer begleitet von einer grossen Liebe zu seiner Heimat. Gibt es Parallelen zum 28-jährigen Jan Lisiecki? «Ich bin definitiv rastlos», sagt er schmunzelnd.

Und ja, er liebe sein Zuhause, sei aber natürlich im Gegensatz zu Grieg auch in der privilegierten Situation, jederzeit nach Kanada zu können.
«Dann bin ich meistens draussen unterwegs, beim Wandern mit meinem Vater», erzählt er. Perfektion? «Da kommt der Kanadier in mir durch. Ich strebe eher danach, mein persönlich Bestes zu geben. Das ist wie bei Olympia, da ist für uns Kanadier*innen auch am wichtigsten, dass jeder seinen persönlichen Rekord schafft. Der Vergleich mit anderen ist zwar nett, wenn er gut für uns ausfällt, aber lange nicht so wichtig», erläutert der Pianist. In der Musik würde Perfektion eh nicht so richtig existieren, fügt Lisiecki an. «Nehmen wir Griegs Klavierkonzert. Das spielen wir Pianist*innen jetzt schon seit so vielen Jahren, aber es wird nie perfekt sein – wir sind immer noch dabei, es zu erkunden.»

MI–FR 06.– 08. SEP, 19.30 UHR
SAISONERÖFFNUNG
Jan Lisiecki spielt Grieg

Musikkollegium Winterthur
Roberto González-Monjas Leitung
Jan Lisiecki Klavier

Edvard Grieg
Konzert für Klavier und Orchester a-Moll op. 16
sowie Werke von Robert Schumann,
Diana Syrse, Wolfgang Amadeus Mozart

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