Musik ist Mein Zuhause

Porträt über Bogdan Božović

Bogdan Božović prägt seit 2022 als Erster Konzertmeister den Klang des Musikkollegium Winterthur. Dabei startete seine Musikkarriere eher leise – mit Kopfhörern am Plattenschrank seiner Eltern. Ein Porträt über einen Musiker, dessen Zuhause die Musik ist.

Von Marie Walkowiak

 

«Sviram violinu» sagt man auf Serbisch für «die Violine spielen». Und doch hat dieser Ausdruck in der serbischen Kultur wenig mit der deutschen, kindlichen Konnotation «spielen» zu tun. Er wird ausschliesslich für das Musizieren auf einem Musikinstrument verwendet und trägt keine weitere Bedeutung von Spiel oder Unterhaltung im Allgemeinen. «Manchmal frage ich mich, ob es mir anfangs leichter gefallen wäre zu üben, wenn es geheissen hätte: ‘Spiel doch ein bisschen Violine!’», sagt Bogdan Božović lächelnd auf die Frage, wie sich sein Verhältnis zum Üben über die Jahre verändert hat. «Geige üben ist eine einsame Angelegenheit. Es ist jedes Mal eine Auseinandersetzung mit sich selbst, mit dem inneren Selbstkritiker. Damit, wie der Körper sich anfühlt, wo man ihn vielleicht unbewusst anspannt. Der Arbeitstag fängt ja damit an, in welcher Verfassung man aufgewacht ist – und ich glaube, bei uns Musiker:innen ist die Verbindung zu unserem Beruf noch unmittelbarer als in anderen Berufen. Wenn man ’in the flow’ ist, ist er irrsinnig erfüllend», sagt der Erste Konzertmeister des Musikkollegium Winterthur. Es ist nicht das letzte Mal, dass wir an diesem kalten Winterabend, an dem wir uns per Videochat zum Interview treffen, über die Herausforderungen des Lebens als Profimusiker:in sprechen. Denn obwohl Musik sein Leben schon immer bestimmt hat, wäre er beruflich fast in einer anderen Kunstform gelandet.

 

Verschmelzung von Musik und Bewegung

Als Kind zweier kulturaffiner Linguisten im mittelständischen Novi Beograd geboren und mit einer älteren Schwester aufgewachsen, spielte Musik für Božović schon von Anfang an eine grosse Rolle. Es war vor allem der grosse Plattenschrank seiner Eltern, der den Jungen begeisterte: Best-Of-Classic-Alben mit allgemein bekannten Werken von Mozart, Tschaikowsky, Ravel und Händel, klassische Ballettmusik. Er ist noch im Kindergarten, als er sich in Ravels Boléro verliebt. «Ich erinnere mich, dass ich stundenlang den Boléro mit Kopfhörern gehört habe oder daran, wie ich Händels Wassermusik immer und immer wieder ’dirigiert’ habe. Eine Zeit lang dachte ich sogar, dass ich Dirigent werden würde. Heute bin ich froh, dass es nur eine Phase war», erzählt er und lacht. Er fängt an, sich Geschichten auszudenken und sie auf dem Klavier zu spielen, möchte Geige lernen. Letztlich war es aber die Verbindung von Bewegung und Musik, die ihn ganz besonders ansprach: «Meine Mutter hat das Theater geliebt und vor allem Ballett. Oft ging ich mit ihr in die Vorstellungen und war so sehr davon beeindruckt, dass ich mir dachte: ’Das möchte ich unbedingt auch machen.’ Zuhause gab es danach meist noch eine zweite Vorstellung, etwa von Romeo und Julia. Sehr zur Freude unserer Nachbarn in der Etage unter uns», erzählt er. Dass er am Ende doch nicht Balletttänzer wurde, hat wohl auch mit dem kulturellen Druck im verschlossenen Serbien der 90er-Jahre zu tun. «Ich bin heute glücklich, dass es nicht diese Laufbahn geworden ist, sonst wäre ich wohl jetzt schon pensioniert», gibt er lachend zu. Trotzdem fasziniert ihn die Verbindung von Musik und Bewegung weiterhin. «Musik ist eigentlich auch nichts Festes. Sie besteht aus Vibrationen, die bei Zuhörer:innen Emotionen auslösen. Das Wort Emotion kommt aus dem Lateinischen und heisst ’in Bewegung setzen’, und die Bewegung findet in diesem Fall in unserem Inneren statt», sagt der 40-Jährige. In seiner jetzigen Rolle als Konzertmeister sei es ihm gelungen, beides miteinander zu verbinden. Manchmal wird das sogar vom Publikum bemerkt: «Nach dem Konzert kommt es vor, dass ich angesprochen werde und dann zu hören bekomme: ’Es war so spannend zu beobachten, wie sich Ihre Füsse zur Musik bewegen – Sie tanzen ja mit!’ Da bekomme ich gleich Flashbacks von den spätabendlichen Romeo-und-Julia-Soloaufführungen in der Wohnung und nehme mir vor, beim nächsten Konzert ruhig zu bleiben – was wohl nie klappt. Spass beiseite: Konzertmeister zu sein, hat auch mit Körpersprache zu tun und damit, wie man Musik nicht nur klanglich vermittelt.»

 

Krisen, neue Klangwelten und Mentoren

Bevor es jedoch zu dieser Position kam, kämpfte Božović mit jeder Menge Frust. Insbesondere als Teenager. Mit 15 Jahren war der Junge sogar kurz davor mit dem Geigespielen aufzuhören. Denn seine Lehrerin an der Musikschule in Belgrad erkannte zwar sein Talent, aber es gelang ihr nicht, ihm Spielfreude und Inspiration zu vermitteln. Dank seiner Eltern, die ihn noch heute unterstützen, wechselte er die Musikschule und traf auf sensiblere Musiklehrer:innen, die ihm genau die Förderung gaben, die er brauchte. Nach einem Studium an der Belgrader Hochschule bei Vesna Stanković führte ihn sein Weg an das Mozarteum Salzburg zu Klara Fiedler sowie nach Basel zu Rainer Schmidt – alle drei Mentor:innen auf ihre Weise prägend, Rainer Schmidt gar eine Art «musikalischer Vater». 2012 feierte Božović seinen internationalen Durchbruch als Geiger des Wiener Klaviertrios, mit dem er in einigen der renommiertesten Konzertsälen der Welt gastierte. Rückblickend auf seine Kindheit im durch den Jugoslawienkrieg von politischem und wirtschaftlichen Chaos geprägten Serbien berichtet er über eine behütete Kindheit bei seiner Familie in Belgrad. Auf den Familienfotos, die er in den sozialen Medien teilt, ist nichts von den gesellschaftlich turbulenten Zeiten zu erkennen. Dennoch fühle er sich heute in Westeuropa wohler als auf dem Balkan: «Belgrad ist ein spannender Ort, voller toller Menschen, Kultur und viel Geschichte – auch schwieriger Geschichte und Gegenwart, die gewisse kollektive Traumata mit sich tragen. Das spüre ich jedes Mal, wenn ich zurückkomme. Meine Generation trägt ebenso ein Stück davon in sich: Als Teenager habe ich die NATO-Bombenangriffe erlebt und werde den Klang der Sirenen sowie diese unbeschreibliche Urangst um das eigene Leben nie vergessen – etwas, das in diesem Moment leider zu viele Menschen auf der Welt spüren.»

In der Saison 2025/26 wird er in Winterthur unter anderem in vier verschiedenen Projekten zu erleben sein. Darunter das Konzert «Beethoven goes Balkan» mit dem Winterthurer Streichquartett. Gemeinsam mit der Winterthurer Kultband Sebass interpretieret Božović Beethovens Streichquartett Nr. 7 F-Dur, op. 59/1, das erste von seinen «russischen Streichquartetten». Für Božović ein ganz besonderes Konzert mit einem persönlichen Bezug, denn während seiner Zeit als Geiger des Wiener Klaviertrios traf er einst den Ur-ur-ur-ur-Enkel des Grafen Razumowsky, dem das Quartett gewidmet ist. Dennoch habe er als gebürtiger Serbe keinen starken Bezug zu der typischen vom Brassband-Sound geprägten Balkanmusik: «Die traditionelle Balkan-Brass-Band-Musik oder ’Trubači’ hat etwas sehr archaisch-Elementares und ist in ihrer Urform sehr laut», lacht er. «Ich verbinde sie eher mit einer serbischen Hochzeit, freue mich aber auf den gewissen kulturellen ’Clash’ im Stadthaus. Ich finde es spannend, dass im Konzert Formen gebrochen werden. Man soll nicht vergessen: Beethoven war in der Habsburgermonarchie von Slawen und deren Musik umgeben, es war wirklich ein Melting Pot. Für die Pastorale hat er ja diverse kroatische beziehungsweise serbische Lieder verwendet. Für ihn wäre diese Kombination wahrscheinlich weniger ungewöhnlich gewesen als für uns heutzutage – und bei seinen Gehörproblemen hätte er wohl von der Band Sebass mehr mitbekommen als von seinem Streichquartett op. 59.»

 

Auf der Reise – und doch nirgends richtig angekommen

Seine Reise als Künstler brachte ihn von Belgrad, über Salzburg, Basel, Wien, Stuttgart und Esbjerg nach Winterthur und Hamburg. Und bald sogar nach Schottland. Auf die Frage, wo Božović sich denn eigentlich zuhause fühle, antwortet er: «Musik ist das einzige richtige Zuhause für mich. Das klingt wahnsinnig kitschig, aber sie ist die Konstante, die mich begleitet. Ich liebe an ihr, dass sie ohne Worte auskommt. Manchmal muss man Dinge ansprechen, zum Beispiel in Proben, besonders bei grösseren Ensembles. Wenn man aber die verbale Kommunikation ausschaltet, kann Magie entstehen.»

 

Konzerte mit Bogdan Božović  

FR 01. MAI 2026
STADTHAUS – 18.00 UHR

BEETHOVEN GOES BALKAN

Winterthurer Streichquartett
Sebass

Beethoven Streichquartett Nr. 7 F-Dur, op. 59/1

Balkan Folk für Band und Streichquartett

 

Mo 18. MAI 2026
STADTHAUS – 12.15 UHR

LUNCH-KONZERT MIT BOGDAN BOŽOVIĆ

Musikkollegium Winterthur
Bogdan Božović Leitung & Violine

Wolfgang Amadeus Mozart Konzert für Violine und Orchester Nr. 5 A-Dur, KV 219

 

MI 27. & DO 28. MAI 2026
STADTHAUS – 19.30 UHR

ELISABETH LEONSKAJA SPIELT MOZART

Musikkollegium Winterthur
Bogdan Božović Leitung
Elisabeth Leonskaja Klavier

Werke von W.A. Mozart, P.I.Tschaikowsky u.a.

 

SO 31. MAI 2026
STADTHAUS – 18.00 UHR

KAMMERMUSIK MIT ELISABETH LEONSKAJA

Elisabeth Leonskaja Klavier
Winterthurer Streichquartett

Werke von Franz Schubert und Robert Schumann