Musik ist kein Sport

Musik ist kein Sport

Pablo Ferrández spielt Cello auf der Überholspur. Zwei renommierte Alben, zahlreiche Preise und überschwängliches Lob von allen Seiten säumen seinen Weg zum Cellogipfel, manche sagen, er sei sogar schon dort angekommen. In Winterthur wird er das Cellokonzert von Edward Elgar aufführen. Ein Gespräch über grosse Werke, grosse Kolleg*innen und die Ambivalenz von Wettbewerben. – Pablo Ferrández im Gespräch mit Felix Kriewald

Buenos días, Pablo Ferrández! Das Cellokonzert von Elgar gilt als das bekannteste aller Cellokonzerte. Was bedeutet dieses Stück für dich persönlich?

Ich denke jede*r Cellist*in hat eine persönliche Verbindung zu diesem Konzert. Wie sicherlich die meisten bin ich mit der legendären Aufnahme von Jacqueline du Pré von 1985 aufgewachsen. Als Teenager war ich davon schlagartig begeistert. Auch wenn sich mein Blick auf das Stück seitdem natürlich geändert hat und ich es nun viel besser verstehe, finde ich, es ist so ziemlich das perfekte Konzert. Es hat einfach alles und es macht mir einen Riesenspass es zu spielen, genau wie dem Publikum.

Das perfekte Cellokonzert – also besser als zum Beispiel Dvořák?

Nicht unbedingt besser, aber die Sätze sind so klar definiert, ganz besonders der ungewöhnlich schnelle Mittelsatz. Es hat nicht nur eine durchgehende Stimmung, der erste Satz ist eher düster und mächtig, dann wird es aber hell und verspielt, dann nostalgisch und romantisch, zum Schluss ein Feuerwerk der Leidenschaft … so viele verschiedene Farben und Ausdrücke geben dir die Gelegenheit, diese Emotionen an dir selbst zu entdecken, in der Musik umzusetzen und dann auch mit dem Publikum zu teilen

Wie gehst du an ein derart populäres Stück, das dementsprechend schon unzählige Male gespielt wurde, heran?

Ist es dein Ziel, immer eine neue, einzigartige Interpretation zu schaffen? Ich versuche immer meine eigene Interpretation zu spielen, aber die ändert sich auch regelmässig. Ich habe das Stück zuletzt vor einem Jahr gespielt und seitdem habe ich schon wieder viele neue Ideen. Ich glaube, solche Stücke wachsen in diesen Pausen immer ein bisschen und dann kann man sie beim nächsten Mal wieder völlig neu entdecken. Ich versuche dann nicht, mich zu erinnern, wie ich es damals gespielt habe, sondern fange wieder von Null an und baue es ganz neu auf.

Lässt du dich auch von anderen Kolleg*innen inspirieren?

Eigentlich nicht. Manchmal ist es natürlich interessant, sich andere Aufnahmen anzuhören, aber ich will mich dann nicht daran orientieren, sondern meine eigene Interpretation entwickeln. Ich schöpfe dagegen viel Inspiration aus der Zusammenarbeit mit meinen Mitmusiker*innen. Wenn ich mit einem Orchester und Dirigent*innen spiele, lasse ich erstmal auf mich wirken, was sie in die Musik reinlegen und baue darauf auf, das kann sich dann fliessend während des Stücks ändern. So reagieren wir immer aufeinander und eine gemeinsame Interpretation des Stücks entsteht. Um diese fliessenden Interpretationen geschehen zu lassen, brauche ich im Vorfeld so viel Freiraum wie möglich. Deshalb vermeide ich es, mich von anderen Aufnahmen beeinflussen zu lassen, da das letztendlich den kreativen Rahmen nur einschränkt

Hast du denn manchmal das Gefühl dich mit legendären Cellist*innen wie Rostropowitsch oder du Pré vergleichen zu müssen oder beschäftigst du dich gar nicht mit anderen?

Als Teenager habe ich fast nichts anderes gemacht als mir die ganzen grossen Meister*innen anzuhören, ich kenne viele der Aufnahmen immer noch auswendig. Eines meiner liebsten Hobbies war es, diese Aufnahmen miteinander zu vergleichen, wer jeweils welche Phrase wie genau spielt und zu analysieren, warum … aber
mittlerweile habe ich schon mit mir selbst genug Cello um die Ohren, sodass ich kaum noch Cellomusik anhöre, sondern vielmehr Geige, Klavier oder Gesang. Es ist echt eine Weile her, seit ich das letzte Mal Cello gehört habe.

Begeistern dich die ganzen grossen Konzerte wie Elgar, Dvořák oder SaintSaëns immer noch so sehr wie früher als junger Student oder spielst du mittlerweile lieber unbekanntere, möglicher- weise spannendere Werke?

Tatsächlich macht es mir jetzt am meisten Spass, sie zu spielen, weil ich mich in meiner Interpretation so wohl fühle wie nie zuvor – sowohl was technische Anforderungen betrifft, die damals im Studium beim ersten Mal unglaublich schwer zu bewältigen wahren, als auch die musikalische Gestaltung, auf die ich mich jetzt viel mehr fokussieren kann als früher, ich kann viel mehr ausprobieren.

Du hast bereits viele wichtige Auszeichnungen und Wettbewerbe gewonnen. Ich erinnere mich an eine Geigerin, die mir mal sagte, dass sie Wettbewerbe zwar praktisch findet, aber den Grundgedanken vom gegeneinander Musizieren ablehnt. Wie siehst du das?

Ich habe da gemischte Gefühle. Man könnte schon sagen, Wettbewerbe seien an sich sinnlos, weil Musik so unglaublich subjektiv ist und es quasi unmöglich ist, sie zu bewerten. Als Student*in sind Wettbewerbe sehr hilfreich, da sie mehr noch als anstehende Konzerte oder Vorspiele sehr stark motivieren, viel zu üben und sich immer weiter zu verbessern. Ausserdem ist man gezwungen, sich ein grosses Repertoire anzueignen. Wenn man ins Finale kommt oder sogar einen Preis gewinnt, macht man natürlich auf sich aufmerksam, wird vielleicht hier und dort für Konzerte angefragt, aber es ist definitiv nicht der einzige Schlüssel zum Erfolg. Die Wettbewerbe, an denen ich teilgenommen habe, haben mir sicherlich geholfen, aber von einem philosophischen Standpunkt bin ich eigentlich dagegen. Musik ist kein Sport, Musik ist Musik.

 

MI/DO 12./13. JUN
PABLO FERRÁNDEZ SPIELT ELGAR

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