«ENTCHORTE» Kirche, «bechortes» Kollegium

Severin Kolb über das Ensemble Lamaraviglia

Heinz Holliger, der legendäre Oboist und Komponist, gab einst zu Protokoll, dass Jean Calvin und Huldrych Zwingli die Schweiz «entchort» hätten. In der Tat überliefert Heinrich Bullinger, dass während der Bilderstürme der Zürcher Reformation wundervolle pergamentene Folianten «zerissen und den krämern, apotekern zuo bulferhüsslinen, den buochbindern ynzuobinden und den schuoleren und wer koufen wollt umm ein spott(preis) verkouft» worden seien. Gesang und Orgelspiel verbannte Zwingli aus den Kirchen. Und doch gab es sie auch weiterhin, die gemeinschaftliche Musikausübung – allerdings im geschlossenen Zirkel. Bald schon tat sich die betuchte (männliche) Zürcher Stadtgesellschaft zudem zu Kollegien zusammen, Winterthur folgte im frühen 17. Jahrhundert, wohl auf Initiative des Theologen Hans Heinrich Meyer.

Es gibt also auch in den protestantischen Regionen der Schweiz eine rege und durchaus «bechorte» Musikgeschichte. Auf der ersten CD des von Stephanie Boller geleiteten, international besetzten Ensembles Lamaraviglia, das dem Umfeld der Schola Cantorum Basiliensis entsprang und in den vier Landessprachen singt, wird dies deutlich: Die weit verbreiteten Vertonungen des Genfer Psalters des Hugenotten Claude Goudimel erklingen kombiniert mit Stücken des Amsterdamer Komponisten und Organisten Jan Pieterszoon Sweelinck, dessen Psalmvertonungen im Zuoz des 17. Jahrhunderts in Rätoromanisch gesungen wurden. Goudimels Chorsätze erreichten in einer Übersetzung Ambrosius Lobwassers bald auch die Eulach, wo sie in den Gottesdienst übernommen und im Kollegium gesungen wurden. Gleichzeitig erklangen im Musikkollegium aber auch Motetten im Palestrina-Stil oder populäre Madrigale. Lamaraviglia betont solche faszinierenden Querverbindungen und macht die wenig bekannte schweizerische Musikgeschichte der Renaissance und des Frühbarock erlebbar.

Freuen Sie sich auf das Hauskonzert am 20. April mit dem Ensemble Lamaraviglia und der Sängerin Stephanie Boller, die sich auf historisch fundierte Programme spezialisiert hat und die ferne Zeit musikalisch auferstehen lässt.

SA 20. APRIL 2024
EIN LOBLICH COLLEGIUM MUSICUM

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Praktikant:innen-Treffen

Letzte Woche traffen sich unsere Praktikant:innen der Saison 25/26 mit Roberto González-Monjas. Nach der Probe kamen unsere jungen Musiker mitsamt ihren Instrumenten zusammen, um sich gegenseitig und Roberto auch jenseits des Konzertbetriebs kennenzulernen. In diesem Rahmen wurde musiziert, zugehört, ausprobiert und ausgetauscht.

Mit dabei waren: Yelyzaveta Zubenko (Violine), Paloma Serrano Garcia (Viola), Natacha Stumpe (Kontrabass), Evdokia Kolyasina (Flöte), Geukchan Lee (Klarinette) und Clara Hinterholzer (Fagott) – leider verhindert war Tiphaine Lucas (Violoncello).
Im Gespräch gab es Raum für Neugier, Visionen und Anekdoten sowie die Gelegenheit, Roberto mit Fragen zu löchern – zu seinem Werdegang, seiner künstlerischen Haltung und dem Leben als Musiker. Es war ein inspirierender Austausch auf Augenhöhe.
Solche Begegnungen sind ein zentraler Teil unserer Arbeit beim Musikkollegium Winterthur: Wir wollen nicht nur auf höchstem Niveau musizieren, sondern auch junge Talente fördern, begleiten und sie in die Welt des Berufsorchesters einführen. Im Miteinander und in der Vielfalt der Perspektiven wächst die musikalische Qualität.

Danke an alle Beteiligten für diesen lebendigen Nachmittag!