Einer «unterirdischen Strömung» gleich: Werner Reinhart

Der Name «Reinhart» ist bis heute in Winterthur präsent: Die eindrücklichen Kunstsammlungen von Oskar Reinhart am Stadtgarten und am Römerholz sind Kunstliebhaber*innen bestens bekannt. Das Erbe seines Bruders, Werner Reinhart, ist etwas schwieriger zu greifen: Die Musik war seine grosse Liebe. Als Musikmäzen machte er vor ca. 100 Jahren Winterthur zu einem Zentrum – hier wurde Musikgeschichte geschrieben.

Eigentlich war Werner Reinhart Kaufmann: Am Schreibtisch und auf Reisen lenkte er an der Seite seines Vaters und seiner Brüder als Teilhaber der «Gebrüder Volkart» die Geschicke der Firma; Baumwollhandel war sein Metier. Doch sein Herz gehörte der Musik. Und dieser widmete er sich in jeder freien Minute, vor allem im Dienste des Musikkollegiums Winterthur: seit 1912 als (musizierendes) Mitglied und Zuzüger, ab 1914 als Quästor und später als Präsident der Konzertkommission, insgesamt fast 40 Jahre lang.

Zentrum der Moderne
«Können wir Sie einladen zu einem Konzert nach Winterthur? Wir sind aber ein ganz kleines Orchester, wir sind nur 28 Mann. Davon sind acht Herren Dilettanten, ich selber blase Klarinette […].» Mit diesen Worten, «sehr zurückhaltend» und «sehr ernst», hat Werner Reinhart 1922 den Dirigenten Hermann Scherchen nach Winterthur eingeladen. Es war eine folgenschwere Einladung! Denn Scherchen war bereits zu dieser Zeit nicht nur Nachfolger von Wilhelm Furtwängler in Frankfurt, sondern auch bekannt für sein Engagement für die zeitgenössische Musik. Bei seinem Debüt in Winterthur am 25. Oktober 1922 dirigierte Scherchen zwar Mozart, Beethoven, Bach und Bruckner. Nur zwei Tage später hielt er allerdings einen Einführungsvortrag «ins Werk von Arnold Schönberg im Hinblick auf die Aufführung von Schönbergs ‹Pierrot lunaire› unter Leitung des Komponisten am 30. November». Eine Zeitenwende! Schönberg selbst dirigierte in Winterthur – und er sollte längst nicht der einzige prominente Komponist und Interpret bleiben.

Auftakt als Mäzen
In der Villa Rychenberg gaben sie sich die Klinke in die Hand: die wichtigsten Geigerinnen und Bratscher, Pianistinnen und Sänger, Musikagenten und Komponisten wie Paul Hindemith und Ernst Krenek. Richard Strauss dirigierte ebenso in Winterthur wie Igor Strawinsky selbst den Klavierpart seines «Capriccio» spielte. Die Verbindung zu Strawinsky war eine besondere, denn die Entwicklung des Komponisten verfolgte Werner Reinhart quasi von Beginn an mit grösstem Interesse. Schliesslich hatte Reinhart auch in Paris gelebt und dort während seiner Lehrjahre Konzerte besucht. Als Werner Reinhart erfuhr, dass die Uraufführung von Strawinskys «Histoire du Soldat» zu scheitern drohte, sprang er helfend ein – löste finanzielle Engpässe, vermittelte und unterstützte bei Übersetzungsarbeiten und wirkte auch organisatorisch mit, als es um die Bekanntmachung des Werkes in Europa und den Verleih der Bühnenausstattung ging. Es war das erste Grossprojekt, das er als Musikmäzen unterstützte. Nicht umsonst widmete Strawinsky ihm 1918 das Werk – eine Widmung, die Reinhart jedoch prägte. Denn er musste sich Kommentare gefallen lassen, dass es eine «erkaufte» Widmung sei, nach «amerikanischer Art». Damit wollte Reinhart aber nichts zu tun haben. Für ihn war die Widmung «ein reiner Freundschaftsbeweis». Um diese «Reinheit» zu bewahren, bat er von da an Komponisten, von veröffentlichten Widmungen abzusehen.

Facettenreiche Förderung
Etwa zur gleichen Zeit machte Werner Reinhart Bekanntschaft mit dem Dichter Rainer Maria Rilke (1875–1926), dem er 1921 mit dem Walliser Schloss Muzot die letzte Lebens- und Wirkungsstätte stiftete. Nach Rilkes Tod stellte Reinhart das Turmschloss immer wieder Künstler*innen als Rückzugsort in politisch instabilen und gefährlichen Zeiten zur Verfügung. Die Gästebücher präsentieren einen Reigen von Persönlichkeiten, die unterschiedlicher nicht sein könnten – wie die schon erwähnten Herren Scherchen und Strauss. Und die Widmungen, Gästebucheinträge und Briefe offenbaren einen innigen, vertraulichen Austausch. Einige der Komponisten, die Reinhart über viele Jahre begleitete waren Heinrich Kaminski, Ernst Krenek und Paul Hindemith. Wenn ihre Musik als auch Strawinskys «Geschichte vom Soldaten» Ende Januar beim Musikkollegium Winterthur gespielt wird, erklingt ein Teil des musikalischen Erbes von Werner Reinhart. Beim Symposium, den «Werner-Reinhart-Tagen», können Sie noch mehr Facetten dieser aussergewöhnlichen Persönlichkeit erkunden, die so gerne «stricte anonym» agierte – oder wie es Hermann Scherchen, Reinharts jahrzehntelanger Verbündeter am Dirigentenpult des Musikkollegiums, nannte: «unmerklich» und einer «wohltätigen unterirdischen Strömung» gleich. Text Dr. Ulrike Thiele

Zu den «Werner-Reinhart-Tagen»

Unsere Orchestergeschichte – 400 Jahre in 3 Minuten

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