«Diese Musik kann sehr deprimierend sein – auf eine süchtig machende Art»

Oper, das ist Huw Montague Rendalls Welt. Logisch, könnte man jetzt sagen, er ist ja auch Bariton – und dazu mit seinen 30 Jahren ein sehr erfolgreicher. Doch wer mit dem britischen Sänger länger spricht, wird herausfinden, dass die Oper nicht erst seit Beginn seiner Bühnenkarriere alles für ihn ist, sondern es schon immer war, denn seine Eltern sind auch Opernsänger* innen.

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Das, was für die meisten Kinder das Fussballspiel gewesen sei, war für ihn, im Opernhaus zu sitzen und Mozart-Proben zuzuhören, erzählt er. «Ich habe grosses Glück, denn wenn ich ein Opernhaus betrete, dann habe ich jeden Tag nostalgische Flashbacks in meine Kindheit», sagt der Sänger. «Der Geruch eines frisch gestrichenen Bühnensettings katapultiert mich zurück in eine Zeit, in der ich damals als Achtjähriger meinen Vater in der Rolle des Otello gesehen habe. Und wenn ich die Ouvertüre zur Hochzeit des Figaro höre, dann fühlt es sich jedes Mal wie gestern an, dass ich neben meiner Mutter in ihrer Umkleide hinter der Bühne stand und beobachtet habe, wie sie sich auf ihren Auftritt als Marcellina vorbereitet.»

Im Grunde würde er einfach noch immer in seiner Kindheit leben, sagt Huw Montague Rendall und muss lachen. Während diese voll von glücklichen Erinnerungen ist, ist das Werk, mit dem er in Winterthur zu hören sein wird, voller Tragik. Gustav Mahlers «Kindertotenlieder» beschäftigen sich mit dem Schmerz, den der Tod des eigenen Kindes zurücklässt. Der Komponist schrieb sie auf der Grundlage der Gedichte von Friedrich Rückert, der eines seiner zwei Kinder verlor. Mahler ahnte damals nicht, dass auch er eine Tochter verlieren würde. Mit dem Musikkollegium Winterthur wird Montague Rendall das Werk zum ersten Mal aufführen. Gerade lernt er seinen Part noch.

«Ich versuche, so ruhig wie möglich an die Stücke heranzugehen, damit ich mich nicht schon in der Stimmung dieses Werkes verliere, bevor wir es spielen», beschreibt er seine Herangehensweise. «Mahlers Musik ist unglaublich, ganz klar. Aber der Inhalt dieser Komposition verfolgt einen auf eine fast schon furchtbare Weise. Diese Musik bleibt einem für Tage im Kopf und kann auch sehr deprimierend sein – auf eine süchtig machende Art.»

Wie er selbst mit traurigen Momenten seines Lebens umgeht? Musik ist sicherlich eine Hilfe dabei, meint er. «Sie hat die unglaubliche Kraft, Freude in dein Leben zu bringen – kann eine vorhandene Trauer aber auch verstärken», sagt Montague Rendall, «ein bisschen wie eine Brille, mit der man den Blick in sein Inneres schärft.» Nach der intensiven Arbeit an so einem Werk sei es für ihn, auch wenn das vielleicht altmodisch klinge, die beste Belohnung, es endlich aufzuführen. «Das ist dann fast schon kathartisch. Man kann sich danach sagen: Okay, das habe ich geschafft, ich bin da durchgegangen», erläutert er. Und klar, ein Bier und ein gutes Essen nach dem Konzert helfe auch, um wieder runterzukommen, fügt er augenzwinkernd an.

Ein Lieblingslied hat der Sänger in dem «Kindertotenlieder»-Zyklus übrigens noch nicht. «Ich frage mich auch, ob ich am Ende überhaupt eins haben werde, weil sie alle so herzzerreissend sind. Und irgendwie funktionieren die Lieder – ähnlich wie auch bei Mahlers ‹Lieder eines fahrenden Gesellen› – so unglaublich gut zusammen, dass es schwer ist, sie einzeln zu betrachten. Sie gehören einfach zusammen.» Bei dem Gedanken, dass er die «Kindertotenlieder» mit dem Musikkollegium Winterthur das erste Mal singen wird, gerät Huw Montague Rendall ins Schwärmen. Er kennt das Orchester bereits aus Co-Produktionen mit dem Opernhaus Zürich, als er noch als Nachwuchskünstler und Teil des Opernstudios mit den Musiker*innen die Bühne teilte. «Besonders ihre Fähigkeit, von einem fast barocken Stil bei einem Mozart zu einem wundervoll romantischen Klang bei Ravel zu wechseln, beeindruckt mich sehr. Ein Orchester, das fähig ist, völlig unterschiedliche Klangwelten zu bedienen – das ist es, was mir stark in Erinnerung geblieben ist», sagt er.

Auch für das Orchester dürfte es spannend werden, erneut mit dem Künstler zusammenzuarbeiten. Gerade hat er seinen 30. Geburtstag gefeiert und bei der Bayerischen Staatsoper debütiert. In der neuen Saison wird er zudem das erste Mal in bedeutenden Häusern wie der Wiener Staatsoper, der Opéra de Paris und dem Royal Opera House zu erleben sein. «Ich war bisher immer sehr fixiert darauf, einen vollen Kalender zu haben. Und natürlich ist das auch normal in diesem Beruf – gerade wir Sänger*innen planen ja sehr viel im Voraus», erklärt er. Aber je mehr Erfahrungen er sammle, desto mehr könne und wolle er sich auch wieder auf Zeit mit seiner Familie fokussieren. «Vergangenes Jahr habe ich zum ersten Mal Hamlet gespielt. Das hat mir die Augen geöffnet. Ich habe danach die Entscheidung getroffen, so viel wie möglich bei meiner Familie zu sein. Denn wer weiss schon, wie viel Zeit uns mit geliebten Menschen bleibt.» Huw Montague Rendall hält inne, nachdem er diesen Gedanken ausgesprochen hat. «Tja, da wären wir wieder bei den Kindertotenliedern und all der Trauer, die diese Thematik betrifft, nicht wahr?»

Auch wenn der Sänger seine Basis noch in London hat, ist er sehr selten dort. «Es gibt vieles, was ich vermisse, wenn ich unterwegs bin. Mein Elternhaus ist im Wald, meine Mutter hat Ponys – die Natur zuhause fehlt mir sehr, wenn ich reise. Vergangenes Jahr war ich genau zwei Wochen in England», schildert er. Und wenn er nicht gerade auf der Bühne steht? «Dann bin ich, glaube ich, ziemlich langweilig», sagt er und lacht. Er liebe es zu kochen, ein gutes Glas Wein oder einen Cocktail zu trinken. Und er sei ein leidenschaftlicher TV-Fan – meist schaue er sehr künstlerische Filme. Eine Ausnahme davon sei seine Schwäche für die 90er-Serie «Friends». «Die habe ich bestimmt schon hundert Mal geguckt, denn ich schaue sie mir jedes Mal an, wenn ich in einer neuen Stadt bin. Irgendwie gibt es mir das Gefühl, zuhause zu sein, weil wir das früher mit der Familie geguckt haben, als die Folgen das erste Mal ausgestrahlt wurden», verrät der Sänger. Ohne Kaffee könne er ausserdem nicht leben. «Ich reise mit meiner eigenen Kaffeemaschine», gesteht er. Der perfekte Espresso sei
eben sehr wichtig.

Das Leben als klassischer Sänger sei bei ihm – trotz des Berufes seiner Eltern – keineswegs vorgezeichnet gewesen, erzählt Huw Montague Rendall. «Ich habe
als Teenager eigentlich in einer Rockband gesungen.» Für ein Wohltätigkeitsprojekt habe seine Band damals eine CD aufgenommen. «Es war gerade nach meinem Stimmbruch. Als mein Vater die Aufnahme hörte, meinte er, dass ich eine schöne Singstimme hätte und ob ich das nicht mal ausprobieren wolle», erinnert er sich. Nach anfänglicher Ablehnung habe er es doch versucht. «Meine Eltern waren zwar unterstützend, aber es war nicht so, dass sie mir gesagt hätten, ich müsse das unbedingt machen», sagt der Sänger. Ihm habe die Musik immer geholfen, die eigenen Gefühle zu kontrollieren, «weil man auf der Bühne die ganze Palette ausleben darf». Aus seiner Sicht werde das auch immer für das Publikum spannend bleiben. In Opernkreisen werde immer mal wieder gesagt, dass dieses oder jenes der Tod dieser Kunstform sein wird. «Aber ich glaube, wir müssen uns da
gar nicht so grosse Sorgen machen: Es muss sich gar nicht so viel ändern, wir sollten nur nicht aufhören, die Musik weiter zu erkunden und weiter neue Stücke zu komponieren», meint Montague Rendall. Letztendlich gebe es aus seiner Sicht vor allem einen guten Grund, warum Oper nach so langer Zeit noch immer lebendig ist: «Die Themen darin sind einfach so menschlich. Die Elemente, um die es geht, haben sich bis heute nicht verändert.»

MI 31. JAN / DO 01. FEB, 19.30 UHR
MAHLER «KINDERTOTENLIEDER»

MI 31. JAN
NACH DEM KONZERT
RED SOFA
Roberto González-Monjas im Gespräch
mit Huw Montague Rendall

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