Beethoven & Goetz
Fr 20.Nov 2026 12.15Klavierquartette gibt es viele (und viele schöne, wie Beethovens Es-Dur-Quartett WoO 36/1 beweist). …
Während Beethovens «Pastorale» das Landleben schildert, wenden sich Luigi Boccherini und Peter Tschaikowsky der urbanen Klanglandschaft zu. Boccherini tut dies in seiner «Musica notturna delle strade di Madrid» so plastisch, dass ein gänzlich ungewöhnliches Streichquintett dabei herauskommt. In der Druckausgabe entschuldigt er die musikalischen Eigentümlichkeiten mit der «Wahrhaftigkeit der Sache», die er darstelle: Mit geheimnisvollen Pizzicato-Akkorden läuten die Abendglocken, eine Trommel wird gerührt, blinde Bettler singen zur Gitarre (achten Sie hier auf die Celli!); fromme Rosenkränze werden gebetet und wirbelnde Tänze vorgeführt, bis die Militärkapelle mit ihrem Zapfenstreich aufzieht und uns alle ins Bett schickt. Vielleicht ist es kein Zufall, dass Boccherini das Stück in jener Zeit schrieb, wo er das allabendliche Madrid gerade nicht erleben konnte, weil er und der Hofstaat seines Brotherrn einige Jahre aus der Hauptstadt verbannt waren. Auch Tschaikowski schrieb sein berühmtes Streichsextett nicht in Florenz selbst, sondern nach seiner Rückkehr in Russland: Es ist eben ein «Souvenir de Florence», eine Erinnerung, ein emotionales Mitbringsel. Wie bei Boccherini gibt es auch hier Nachtmusik – nächtlich wirkt jedenfalls das Adagio mit seinen Pizzicatibegleitungen, seiner Leidenschaft, seinem geisterhaft fantastischen Mittelteil und der darauffolgenden romantischen Zwiesprache von Cello und Geige. In den letzten beiden Sätzen klingt das Sextett immer stärker nach Tschaikowskys Heimat, wobei die volkstümlichen Themen höchst kunstvoll behandelt werden. In Briefen schildert der Komponist, wie viel Arbeit er u.a. in die sechsstimmige Fuge im Finale gesteckt hat; zuletzt vor der Drucklegung, als er im Januar 1892 in Paris weilte. Das Sextett ist kosmopolitisch wie sein Schöpfer: Florenz und Klin, St. Petersburg und Paris. Auch Prag und Wien, die irgendwo in der Mitte liegen, hatte Tschaikowsky im Blick: Sein Sextett misst sich hörbar mit Brahms und Dvořák.