Artist in Resonance:
Emmanuel Ceysson

Vom Orchestergraben aufs Konzertpodium – so liesse sich die Karriere des französischen Harfenisten Emmanuel Ceysson auf den kürzesten Nenner bringen. Als «enfant terrible der Harfe» wurde er in tonangebenden Musikfeuilletons bezeichnet. Als einer, der die gängigen Harfen-Klischees mühelos aushebelt ‒ stets auf der Suche nach neuen künstlerischen Herausforderungen und neuem Repertoire für sein kostbares Instrument. Nun ist er als Artist in Resonance in vier Konzertprogrammen beim Musikkollegium Winterthur zu erleben.

Es war vor ungefähr zehn Jahren, als mir der Name Emmanuel Ceysson zum ersten Mal begegnete, und zwar anhand seiner CD-Einspielung mit Opernmusik, bearbeitet für die Harfe. Fürs CD-Cover liess sich der junge Harfenspieler frivol mit einem Kostüm abbilden, das jeder Carmen gut angestanden hätte. Weitere Kostüme im Bildhintergrund sollten vermutlich darauf hinweisen, dass Ceysson gerne in verschiedene Rollen schlüpft. In der Tat: Ob Harfenparaphrasen aus «Norma», «Eugen Onegin», «Faust», «Hoffmanns Erzählungen» oder «Lucia di Lammermoor», alles scheint ihm perfekt auf den Leib geschnitten zu sein. Für Ceysson hat sich damit ein Traum erfüllt: einmal ganz Primadonna zu sein. Ganz im Mittelpunkt. Nicht einmal ein Orchester braucht er dazu, begleiten kann er sich nämlich gleich selber. Das rauscht und wogt und flimmert und kichert aus den Saiten, dass es die reinste Wonne ist. So hört man Harfe selten.

Begonnen hatte alles mit 16 Jahren – als Ceysson beim renommierten Pariser Konservatorium zum Harfenstudium zugelassen wurde. Und nur sechs Jahre später winkte ihm ein erster Traumjob: Soloharfenist im Orchester der Opéra National Paris. Fünf Spielzeiten wirkte er hier im Orchestergraben, dann hielt er die Zeit gekommen für eine Veränderung, ging als Soloharfenist an die Metropolitan Opera in New York und gab hier seinen Einstand mit Wagners «Tannhäuser». In dieser Oper hat die Harfe bekanntlich viel zu tun – und die New Yorker Presse reagierte begeistert: «Young Emmanuel Ceysson was remarkable on the harp; in this era, it is difficult to find a male harpist but even more rare to find a harpist with such jubilant spirit.» Zudem, hier in New York gewann er 2006 bei den «Young Concert Artists International Auditions» nicht nur den Ersten Preis, sondern gleich noch weitere Sonderpreise dazu. Und drei Jahre später, das war im September 2009, räumte er in München beim legendären ARD-Musikwettbewerb mit dem Ersten Preis ab. Was will man mehr?

Ceysson wollte noch mehr – nämlich eine Solistenkarriere, die er nun parallel zum Dienst im Orchestergraben aufzugleisen begann. Bald einmal gastierte er in den bedeutendsten Konzertsälen wie der Carnegie Hall oder der Wigmore Hall, in der Salle Gaveau, im Münchner Gasteig oder im Wiener Konzerthaus. Nach wie vor aber liebt Emmanuel Ceysson die Oper über alles: «Ich bin ein glühender Opernfan. Natürlich habe ich meine Lieblingswerke: ‹Tannhäuser›, Puccinis ‹Manon Lescaut›, ‹Capriccio› von Richard Strauss oder Debussys ‹Pelléas et Mélisande›. Aber eigentlich liebe ich jede Oper, die ich zu spielen habe. Denn jede Aufführung ist wieder anders. Manchmal hat man anspruchsvolle Solos zu spielen, manchmal muss man flexibel auf die Sänger reagieren. Wie auch immer, ich liebe es!»

Doch irgendwann trieb ihn die Neugierde aus seinem geliebten Orchestergraben hinaus ‒ und hinauf aufs Konzertpodium. Unter 70 Mitbewerbern spielte er in einem «blinden» Auswahlverfahren für die Soloharfenstelle im Los Angeles Philharmonic vor und erhielt tatsächlich den prestigeträchtigen Job. «Solche Auditions sind immer eine grosse Herausforderung», sagt Ceysson. «Vor allem geht es um die Konzentration, denn die Stücke, die man zum Vorspielen bekommt, sind meistens kurz, sodass man vom allerersten Ton an voll in der Musik drin sein muss.» Hier kam ihm seine jahrelange Erfahrung mit Opern im Orchestergraben zweifellos zugute, was Ceysson bestätigt: «Grundsätzlich ist die Harfe ein Orchesterinstrument», betont er, «und sie kann, wenn man so will, ein ganzes Orchester imitieren. Gleichzeitig aber ist sie immer noch ein Nischen-Instrument und im solistischen Konzertbereich viel zu wenig präsent.» Das wird sich beim Musikkollegium Winterthur nun zumindest für eine Saison ändern. Bienvenue à Winterthur, Emmanuel Ceysson.