Emmanuel Pahud – Artist in Resonance 2019/20

Zwei Leitsterne für einen Klassik-Star

 

Ein Zufall, dass es 1970 Genf war, wo Em­manuel Pahud geboren wurde – die Fa­milie zog oft um. So ist Pahud in so ver­schiedenen Städten wie Bagdad, Rom, Paris und Brüssel aufgewachsen. Studiert hat er in Paris, seine erste Orchesterstelle erspielte er sich, noch keine zwanzig Jahre alt, beim Radio­-Sinfonieorchester Basel. Lange blieb er nicht: Sergiu Celibidache wollte ihn in München haben, aber den Posten trat Pahud gar nicht erst an. Denn in der Zwischenzeit hatten sich die Berliner Philhar­moniker gemeldet; Pahud wurde mit 22 Jahren Solo­-Flötist – und ist es noch heute neben seinem Leben als Flötensolist in den schönsten Kon­zertsälen der Welt.

Zwei Sterne haben ihn geleitet. Aurèle Nicolet zum einen: Mit ihm verbindet ihn weit mehr als die Flöte, der Schweizer Pass und die Solo­stelle in Berlin. Der Schweizer Flötist von Welt­format war ein prägender Lehrer und hat dem jungen Kollegen seine Auffassungen und Klangideale weitergegeben. Der andere Leit­stern ist Mozart. Zufall oder nicht: Emmanuel Pahud ist am gleichen Tag geboren wie das Salzburger Genie, am 27. Januar. Ohne ihn hätte er nicht begonnen, Flöte zu spielen. In Rom, wo er damals wohnte, spielte im Haus nebenan je­mand Flöte, und der Knirps ging zu seinen El­tern und sagte: «Das will ich auch». Er hörte das G­-Dur-­Konzert von Mozart, Pahud hat es un­terdessen viele hundert Male aufgeführt, in Winterthur hingegen wird er das Schwester­werk KV 314 spielen. Mit Mozart begann auch seine Schallplattenkarriere beim Branchenrie­ sen EMI, zusammen mit seinen Berliner Phil­harmonikern unter Claudio Abbado. Kann man sich einen besseren Start denken?

Aber Mainstream war nur am Anfang. Eine Liste mit sage und schreibe 50 CD­-Projekten stellte Pahud über Nacht zusammen, als er vom damaligen EMI­-Musikchef Peter Alward nach seinen Aufnahme­-Wünschen gefragt wurde. Noch nicht ganz alles davon ist heute realisiert, aber auf drei Dutzend völlig unter­schiedliche CDs hat es Pa­hud gebracht, aktuell etwa reizvolle Kammermusik der Brüder Doppler oder ein wundervolles Solo­ Album. Die Vielseitigkeit ist Pahuds Programm, und so zeigt er sich auch in Winterthur: Im Rezital mit seinem langjährigen Duo­ Partner Eric Le Sage erklingen Dutilleux und Prokofieff, aber auch ein kaum bekannter Beethoven und dann Reinecke – die grosse ro­mantische Flötensonate par excellence. Das konzertante Pendant dazu ist das Flötenkon­zert von Nielsen: «Die Emphase der Spätro­mantik und das Spiel der Klangfarben kom­men darin sehr gut zur Geltung. Es ist ein sehr ausdrucksvoller Spiegel der Stimmungen zwi­schen Nielsens nordischer Heimat, Aufenthal­ten in der Schweiz und dem Licht Siziliens.» Aber Pahud zeigt sich nicht nur in Main­stream­Konzerten, sondern neben Bach, Mo­zart und Nielsen auch in einem reizvollen, we­nig bekannten Divertimento von Busoni.

Neben dem Solokonzert steht Kammermusik: Mit Winterthurer Streichern spielt Pahud – klar – die Flötenquartette von Mozart. Aber auch das «amerikanische» Streichquartett von Dvořák mit Pahuds Flöte als erster Geige: «Geht gut», sagt er, «ich muss kaum etwas an der Stimme ändern. Ich versuche gar nicht, die Gei­ge nachzumachen; für die volkstümlichen Ele­mente, die Dvořák in diese Musik einfliessen liess, ist die Flöte genauso gut geeignet.» Mit den Orchesterbläsern hingegen gibt es Origi­nalkompositionen für Doppel­-Bläserquintett von Raff und Gounod. Ist es nicht fast ein biss­chen tollkühn, so komplexe Bläser­-Kammer­musik zu programmieren? «Nicht mit Orches­termusikern», sagt Pahud. «Die sind es ge­wohnt, aufeinander zu hören, und sie kennen sich gegenseitig sehr gut. An einem Festival hingegen, wo alle zum ersten Mal zusammen spielen, wäre das sicher ein Fiasko.»

Wahrhaft vielfältig also, was Emmanuel Pahud als «Artist in Resonance» nach Winterthur mitbringt. Das Wortspiel übrigens gefällt ihm: «Es schwingt darin mit, dass man zusammen etwas erleben möchte, dass ein Austausch stattfindet.» Und so soll das Winterthurer Pub­likum den Mann mit der Goldflöte auch nicht nur weit vorne auf dem Konzertpodium sehen, sondern auch im kleinen Kreis die Möglichkeit des Austauschs pflegen können. Pahud mag solche Begegnungen: «Wenn der Rahmen passt, wenn ein Publikum über so viel Kennt­nis verfügt, wie in einer Kulturstadt mit einer derart reichen Musiktradition wie Winterthur, dann ist das auch für uns Musiker ein Erlebnis und eine bereichernde Erfahrung.»

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