Artist in Resonance

Pierre-Laurent Aimard

Er hat sie alle persönlich gekannt, die wegweisenden Neutöner im 20. Jahrhundert: Stockhausen, Boulez, Messiaen, Ligeti. Für Ligeti war Pierre-Laurent Aimard schlicht «der beste Pianist». Ohne Starallüren, aber bekannt für seine analytische Genauigkeit. Einer, der die Werke, die er spielt, auch verstehen und nicht nur spielen will.

 

Seit seinem fünften Lebensjahr spielt Aimard Klavier. Das sind jetzt zusammengerechnet 57 Jahre. Dafür wurde er vor drei Jahren mit dem Ernst von Siemens Musikpreis ausgezeichnet, der oft als Nobelpreis der Musik bezeichnet wird ‒ «für ein Leben im Dienste der Musik», wie es in der Begründung hiess: «Pierre-Laurent Aimard ist Lichtgestalt und internationale Schlüsselfigur im Musikleben unserer Zeit.» Einer, der in allen bedeutenden Konzertsälen zu Hause ist. Einer, der für seine unbeirrbare Genauigkeit bekannt ist. Bis in Detail will er die Werke verstehen, die er spielt. Und das Besondere dabei: Man hört seinem Spiel diesen analytischen Zugang nicht an. Nichts Trockenes, erst recht nichts Akademisches. Sondern ein immenses Spektrum an lustvoll modulierten Klangfarben.

 

Als Knabe probiert er sich durch die Instrumentensammlung im Haus seines Urgrossvaters: Klarinette, Mandoline – und schliesslich Klavier. Eine Bindung fürs Leben nimmt hier ihren Anfang. Mit zwölf wird er Jungstudent am Konservatorium seiner Heimatstadt Lyon. Dann geht er nach Paris und besucht oft die Kirche Sainte-Trinité ‒ weil dort jeden Sonntag ein alter Mann Orgel spielt: der grosse Olivier Messiaen. Bei dessen Gattin Yvonne Loriod studiert Aimard weiter. Die Begeisterung für zeitgenössische Musik packt ihn. Pierre Boulez beruft den neunzehnjährigen Aimard zum Gründungsmitglied des Ensembles InterContemporain. «Die Tiefe und die Intensität von Boulez als Künstler war derart gross, dass es unsinnig gewesen wäre, ihm nicht zu folgen», sagt Aimard später.

 

Hier fühlt er sich zu Hause – eine Solistenkarriere steht damals überhaupt nicht im Vordergrund, die kommt erst später. Als junger Mensch müsse man experimentieren, lernen und dabei schrittweise seine Persönlichkeit finden, findet er. Und nutzt seinen persönlichen Zugang zu den namhaften zeitgenössischen Komponisten. Auch mit Messiaen darf er arbeiten: «Ein mit Licht, Poesie und Geist erfüllter Lehrer», konstatiert Aimard ‒ eine Zeit, die «nahe am Paradies» war. Für Ligeti wird Aimard zum besten Interpreten seiner Klavierwerke. Und als die grosse Martha Argerich sich nicht dazu entschliessen kann, unter Nikolaus Harnoncourt Beethovens Klavierkonzerte einzuspielen, klopft dieser bei Pierre-Laurent Aimard an. Das Ergebnis auf CD: eine Beethoven-Sternstunde.

Weltweit gilt Aimard als einer der hervorragendsten, wenn nicht gar als der führende Interpret von zeitgenössischer Klaviermusik. «Wenn man versucht, einen zeitgenössischen Komponisten und dessen kulturelle Welt zu verstehen, dann kann man von diesen Komponisten sehr viel lernen. Allerdings wird man sie nicht glücklich machen, wenn man immer nur wie ein Sklave ihre Anordnungen befolgt. Komponisten benötigen Interpreten, echte Interpreten, die ihre eigene Kraft einbringen, ihre Vorstellungskraft und ihre Emotionen.»

 

Aimard hat sich nie ausschliesslich als Anwalt der Moderne verstanden. Sein Bach-Spiel profitiert ebenso von seiner analytisch transparenten Anschlagskunst wie sein Mozart oder Beethoven. Auch Schumann und Mendelssohn gehören zu seinem Repertoire. Er ist fest davon überzeugt, dass es wichtig ist, Musik möglichst verschiedener Stile und Epochen zu kennen und zu erlernen. Das wiederum macht Aimards Konzertprogramme so interessant, weil er oft Werke unterschiedlichster Herkunft nebeneinander stellt, beispielsweise Barockmusik in der Moderne spiegelt oder Beethoven mit Ligeti konfrontiert. Beides erhellt sich wechselseitig. Das Problem beim Anhören von zeitgenössischer Musik sei letztlich das Problem des Turmbaus zu Babel, meint er: Jeder spreche seine eigene Sprache. «Haydn, Mozart und Beethoven haben in einer Zeit komponiert, in der es eine kollektive, allgemein verständliche Musiksprache gab. Aber für Ligeti, Boulez und Messiaen brauchen Sie schon drei Sprachen. Das finde ich auch wunderschön – denn wir wollen doch nicht, dass alle dieselbe Sprache sprechen, oder?»

 

Werner Pfister

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