Artist in Resonance:
Ian Bostridge

Zweifellos ist es eine der aussergewöhnlichsten Sängerkarrieren: Ian Bostridge, als Arbeitersohn in London geboren, studierte an den Universitäten von Oxford und Cambridge – aber nicht Musikwissenschaft und Gesang, sondern Geschichte und Philosophie.

Nach seiner Promotion 1990 war er als postdoctoral fellow am Corpus Christi College (Oxford) tätig. In die Welt der Musik kam er als Quereinsteiger: «Ich habe Musik nie an einer Universität oder Musikhochschule studiert.» Ohne eine sängerübliche Grundausbildung wuchs der promovierte Historiker, sozusagen in Eigenregie an allen massgebenden Gesangsschulen vorbei, zum Spitzentenor heran, der erst mit dreissig voll in die Gesangskarriere einstieg.

 

Spätestens seit seinem Debüt 1993 in der Londoner Wigmore Hall – dem «Bayreuth des Liedgesangs» – gehört Ian Bostridge zu den renommiertesten Liedersängern unserer Zeit. Seine helle, ungemein facettenreiche und ebenso subtil geführte Tenorstimme prädestiniert ihn geradezu für das romantische deutsche (und englische) Lied. Eine mittlerweile fast unübersehbare Anzahl an oft preisgekrönten CD-Einspielungen deckt das entsprechende Liedrepertoire von Schubert über Schumann und Brahms bis zu Wolf und Britten ab. Ebenso eindrücklich ist Ian Bostridges Gestaltung der Evangelisten-Partie in Bachs Passionen.

Seine internationale Karriere führt Ian Bostridge regelmässig in die wichtigsten Konzertsäle der Welt und zu bedeutenden Festivals. Er war «Artist in Residence» am Wiener Konzerthaus, am Amsterdamer Concertgebouw und am Londoner Barbican Centre, zudem Protagonist einer «Perspectives»-Reihe der New Yorker Carnegie Hall, und er gastierte bei den Festspielen von Salzburg, Edinburgh, München, Wien und Aldeburgh. Als Konzertsolist singt er mit den führenden Orchestern, darunter die Berliner, Wiener, New Yorker und Londoner Philharmoniker, das BBC Symphony Orchestra, das Concertgebouworkest Amsterdam sowie das Chicago, Boston und London Symphony Orchestra.

Auch seine Opernauftritte widerspiegeln die grosse Bandbreite des Repertoires, das von der frühen Barockmusik bis in die zeitgenössische Moderne (Thomas Adès, Hans-Werner Henze) reicht. Auf der Opernbühne war Ian Bostridge u.a. als Tamino und Jupiter (Händel «Semele») an der English National Opera, als Quint ( Britten «The Turn of the Screw») und Vašek (Smetana «Die verkaufte Braut») am Londoner Royal Opera House Covent Garden, als Don Ottavio an der Wiener Staatsoper und als Nerone ( Monteverdi «L'incoronazione di Poppea») an der Bayerischen Staatsoper zu erleben.

Im Zentrum seiner sängerischen Tätigkeit steht jedoch der Liedgesang. Vor Jahresfrist erschien Ian Bostridges Buch über Schuberts «Winterreise» – «ein unfassbar kluges Buch», so «Die Welt», das unendlich viel erklärt und doch der Musik nichts von ihrem Geheimnis wegnimmt. Am 25. September 2016 gibt Ian Bostridge seinen Einstand als «Artist in Resonance» beim Musikkollegium Winterthur. Im Lauf der Saison wird er in fünf Konzertprogrammen zu erleben sein.