Sesam öffne dich! - Das Rychenberger Gastbuch

Gastfreundschaft beim Winterthurer Musikmäzen Werner Reinhart

Das Rychenberger Gastbuch

Sesam öffne dich! – Das Rychenberger Gastbuch

Mit dem Rychenberger Gastbuch befindet sich ein kleiner Schatz im Besitz des Musikkollegiums Winterthur, das auf berührende und anschauliche Art und Weise fast ein halbes Jahrhundert Winterthurer Musikleben widerspiegelt. Scherzhafte wie nachdenkliche Zeilen, Verse und Zeichnungen, aber auch viele Notenbeispiele und Erinnerungen an aufgeführte Werke lassen die Zeit vom 14. Januar 1903 bis zum 3. September 1951 wieder lebendig werden, in der dank der immer wieder apostrophierten Herzenswärme und Grosszügigkeit des Winterthurer Mäzens Werner Reinhart nicht nur Angehörige und Freunde der Familie, sondern vor allem auch herausragende Künstlerpersönlichkeiten – Komponisten wie Interpreten – in der Villa Rychenberg zu Gast weilten. Anlass boten dazu insbesondere die von Reinhart nicht nur finanzierten, sondern auch 30 Jahre lang gemeinsam mit Hermann Scherchen programmierten Konzerte des Musikkollegiums Winterthur. Für unsere Konzertsaison 2016/17 haben wir das Rychenberger Gastbuch durchstöbert und einerseits Werke programmiert, die nicht nur ihre Entstehung, Ur- oder Erstaufführung in den erwähnten Jahren in Winterthur erlebten, sondern sich unterdessen auch einen festen Platz in der Musikgeschichte erobert haben. Andererseits haben wir uns inspirieren lassen von dem Gespür, mit dem der Kunstkenner Reinhart, dessen Todestag sich am 29. August 2016 zum 65. Male jährt, für immer wieder überraschende Werkkonstellationen innerhalb seiner Programme sorgte.

In diesem Sinne erklingen unter der Leitung unseres neuen Chefdirigenten Thomas Zehetmair zur Eröffnung der Saison Anton Weberns Variationen für Orchester op. 30, die er Werner Reinhart „herzlichst“ gewidmet hat, und deren Winterthurer Uraufführung im März 1943 – zu einer Zeit, zu der Weberns Werke in Deutschland längst verboten waren – die letzte werden sollte, die der Komponist noch selbst erleben durfte. Markiert dieses Werk chronologisch den Schlusspunkt unserer Reise durch das Rychenberger Gastbuch, so kehren wir mit Igor Strawinskys „L’histoire du soldat“ zu einem der ersten hierin erwähnten, musikgeschichtlich bedeutsamen Werke zurück. Komponiert und uraufgeführt in Lausanne mit Reinharts Förderung, gelangte die „Geschichte vom Soldaten“ in Winterthur in einer von Reinharts Bruder Hans angefertigten deutschen Übertragung zur szenischen Wiedergabe. Daran anknüpfend haben wir uns gleichfalls für eine szenische Aufführung entschieden, die an einem für uns neuen Spielort, dem Neuwiesenhof, stattfinden wird. Gleichenorts wird ausserdem Arnold Schönbergs „Pierrot lunaire“ zu erleben sein – auch dies ein Meilenstein in der Geschichte des Musiktheaters vom Beginn des 20. Jahrhunderts, der ebenfalls in Winterthur seine Schweizer Erstaufführung erlebte.

Wie Strawinsky der „Geschichte vom Soldaten“, so liess auch Arthur Honegger seinem „Roi David“ eine spezielle Winterthurer Bearbeitung angedeihen. Ursprünglich für die Theaterbühne konzipiert, wurde das Werk in erweiterter Orchesterbesetzung und deutscher Nachdichtung von Hans Reinhart als „Sinfonischer Psalm“ am 2. Dezember 1923 im Stadthaus Winterthur uraufgeführt, wofür sich der Komponist im Gastbuch mit einem Kanon bedankte: „Das ist der Rychenberger Kanon / in der Melodie zart und nett; / Herr Werner soll mit süssem Ton ihn blasen auf der Klarinett.“

Nur knapp zwei Monate später wurde in der Villa Rychenberg ein weiteres aufsehenerregendes Werk aus der Taufe gehoben: Hans Pfitzners Violinkonzert, das nach wie vor als eines seiner besten Werke gilt. Allerdings geschah auch dies in einer speziellen Fassung, nämlich für Violine und Klavier. Letzteres spielte der Komponist persönlich, den Violinpart übernahm die erst 26-jährige Widmungsträgerin Alma Moodie, eine Ausnahmekünstlerin, die immer wieder eingeladen wurde und mit dem Ehrentitel „das Wundertier in Winterthur...!!!“ im Gastbuch firmiert. Nicht viel älter war Paul Hindemith, als er im selben Zeitraum Aufnahme in den Rychenberger Kreis fand und sich der andauernden Wertschätzung Reinharts erfreute. Die Aufführung seiner „Marienlieder“ von 1923/24 und seinem Violakonzert „Der Schwanendreher“ erinnern an die herzliche Verbundenheit, die sich nicht zuletzt mit zahlreichen humorvollen Zeichnungen im Gastbuch niederschlug.

Nicht fehlen darf in unserer Rückschau natürlich Othmar Schoeck, von dem viele gewichtige Kompositionen in Winterthur aus der Taufe gehoben wurden, darunter die dramatische Kantate „Vom Fischer un syner Fru“. Sein Pastorales Intermezzo „Sommernacht“ ist darüber hinaus Anlass, den Jahreszeiten im Werk anderer Komponisten nachzuspüren. Neben dem Referenzwerk hierfür von Vivaldi, das unser Konzertmeister Roberto González Monjas in der spannenden Paarung mit den „Jahreszeiten“ von Astor Piazzolla zur Aufführung bringen wird, stehen Robert Schumanns „Frühlingssinfonie“, Tschaikowskys „Winterträume“ sowie die Sinfonie „Im Sommer“ von Josef Raff aus dessen völlig zu Unrecht in Vergessenheit geratenen „Jahreszeiten“-Sinfonien. Und mit seiner Serenade op. 1 bildet Othmar Schoeck auch den Ausgangspunkt einer kleinen Erkundungstour in dieser Gattung, die von Mozarts „Haffner-Serenade“ und Haydns „Serenaden-Quartett“ über Brahms‘ Serenade Nr. 1 zu Bohuslav Martinus Serenade für kleines Orchester führt, um in einer Bläserserenade unter freiem Himmel zu gipfeln.

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