Neue Harmonie des Hörens

Umbau abgeschlossen – der Stadthaussaal Winterthur erstrahlt in neuem akustischem Glanz


Im Hinblick auf eine immer wieder gewünschte Verbesserung der akustischen Verhältnisse im Stadthaussaal wurden bereits im Jahr 2003 eine akustisch optimierte Bekleidung der Bühnenrückwand und teilweise auch der Bühnenseitenwände vorgenommen. Und das mit hörbarem Erfolg: Von den Musikerinnen und Musikern wurde sie ausnahmslos gelobt. Während der diesjährigen Sommerferien wurden nun in einem weiteren Schritt noch entsprechend optimierte Deckenreflektoren mit neuer Oberfläche der Bühnendecke sowie ein Vorbühnenreflektor aus drei Ellipsoiden eingebaut. Alles im Dienst einer möglichst guten Akustik.

Nur, was ist eine gute Akustik? «Akustik ist ein mehrdimensionales Phänomen», sagt der mit dem Umbau beauftragte Akustiker Eckhard Kahle. «Es geht nicht nur um ‚besser’ oder ‚schlechter’, sondern um Aspekte wie ‚hallig – trocken’, ‚laut – leise’, ‚warm – scharf’, ‚deutlich – unklar’ und ‚räumlich – frontal’.» Die Frage nach einer idealen Akustik lasse sich darum nicht generell beantworten: «Eine Akustik ist immer nur ideal für einen bestimmten Aufführungstyp, für eine bestimmte Orchestergrösse und Orchesterformation auf der Bühne.»

Neue Ellipsoide
Johann Frei, der mit dem Umbau beauftragte Architekt, weist in diesem Zusammenhang auf die Geschichte des Stadthaussaals hin, auf die tiefgreifenden Veränderungen von 1932 bis 1934: «Damals wurden Purifizierungen vorgenommen und die Ausstattung des Saales um wesentliche Teile reduziert. Dabei handelte es sich um das an den Wänden des Saales vorhandene, reich verzierte, gefelderte Täfer, die in Fenstergewänden gefassten Marmortafeln und das Gesimsprofil, welches auf der Höhe der Türüberdachung des Hautpeinganges die südliche Saalwand sehr schön gliederte. Darunter waren Teile, welche nach heutigen Erkenntnissen die Raumakustik damals günstig beeinflusst hatten.»

«Diese Purifizierungen», bestätigt Eckhard Kahle, «führten zu einer geringeren akustischen Diversität (Schallstreuung) und diesbezüglich zu einer Verschlechterung der Akustik – unausgewogeneres Klangbild, weniger seitliche Reflexionen und somit weniger räumlicher Klang.» Der nun aus drei kleinen Ellipsoiden gebildete Vorbühnenreflektor schafft da Abhilfe: «Die Positionen, wie sie heute montiert sind, wurden aufgrund von akustischen Modellrechnungen festgelegt», erläutert Johann Frei. «Der Vorbühnenreflektor hat seine beste akustische Wirkung für Musiker, welche am vorderen Rand oder ausserhalb des Bühnenraumes spielen.»

Klarerer und weicherer Klang
Was merkt das Konzertpublikum von diesen neuen akustischen Verbesserungen? «Für den Zuhörer wird das Musikerlebnis im Saal bezüglich Klarheit als weitere Verbesserung wahrgenommen werden», sagt Architekt Johann Frei, «und für die Musiker dürften diese Verbesserungen sehr bedeutend sein.» Akustiker Eckhard Kahle pflichtet bei: «Der Unterschied zwischen einer guten und einer exzellenten Akustik ist häufig nur klein, aber wesentlich. Meiner Meinung nach werden viele Zuhörer den Unterschied in der Akustik bemerken. Besonders erfahrene Konzertbesucher werden die etwas weichere, rundere und weniger harte Klangfarbe sowie Verbesserungen in der Deutlichkeit des Klanges wahrnehmen.»

Zudem sind die drei Ellipsoide auch ein wesentliches Element der neuen Lichtgestaltung im Saal. Denn immer wieder hiess es, der Saal sei zu grau, sei nicht farbig und festlich genug. Gerade in diesem Zusammenhang nehmen die drei kleinen Ellipsoide eine neue, wichtige Funktion in der Saalbeleuchtung ein. Als gestalterisch eigenständige, im Raum schwebende Elemente vermögen sie mit ihrer vielfältigen Veränderbarkeit der LED-Beleuchtung die Stimmigkeit des Konzertsaals gezielt zu beeinflussen.

Ein Saal, zwei Stimmungen
«Mit den Ellipsoiden – und einer ,Einlassstimmung’ sowie einer ‚Konzertstimmung’ – werden die Zuschauer nicht nur einen Saal, sondern zwei verschiedene Säle erleben, was wiederum das Konzerterlebnis verstärken und verbessern sollte», sagt Akustiker Eckhard Kahle. «Denn ganz wichtig für das Konzerterlebnis, wie psycho-akustische Studien ergeben haben, ist der gute Räumlichkeitseindruck – damit man als Zuhörer das Gefühl hat, am Geschehen beteiligt zu sein und nicht nur von aussen zuzuschauen und zuzuhören.»

Dieser Zusammenhang zwischen akustischen und visuell-räumlichen Elementen ist auch für Architekt Johann Frei wichtig: «Beim Konzertbesuch – oder auch zu Hause beim Hören von Musik – ist für mich die räumliche Situation ein wesentlicher Teil des Musikerlebnisses. Dieses Umfeld, zu welchem auch Lichtstimmungen gehören, beeinflusst sehr wohl das Hörerlebnis, allenfalls auch die Konzentrationsfähigkeit oder einfach die persönliche Stimmung. Wichtig scheint mir, dass im Raum, in welchem ich Musik höre, eine Harmonie der Gestaltung, der Farben und auch der Lichtstimmungen besteht.» Kein Zweifel, der Stadthaussaal war schon immer ein interessanter, faszinierender Konzertsaal. Nun aber wurde sein Potenzial weiter ausgeschöpft und verbessert. Happy new hearing!

Werner Pfister